Institutionalisierter Respekt in Politik und Wirtschaft?

27. November 2009

In dem Video, das in den vorigen Post („Respekt und Demokratie„) eingebunden ist, wird Respekt interessanterweise beschrieben als eine bestimmte verfahrenstechnische Eigenart demokratischer Systeme; nämlich der Eigenart, eines politischen Systems sich unvoreingenommen gegenüber dem einzelnen Bürger zu zeigen (jeder Bürger hat dieselben Rechte und Möglichkeiten gegenüber dem Staat, unabhängig von Herkunft, Bildung, usw.) Wenn man so will ist die Verhinderung von Diskreminierung in einer Demokratie Staatsräson, also ein vernunftsgeleitetes Interessenkalkül der Staatsführung. Denn so sichert der Staat, wenn man es so verkürzt sagen darf, das Platz und Wirksamkeit eines Bürgers in der Gesellschaft von gegenwärtigen Argumenten abhängen und nicht von seiner Herkunft oder Dünkel. Die Besetzung von Rollen in der Gesellschaft kann so gewissermaßen selbstorganisiert stattfinden und wird nicht durch eine zentrale Planinstanz ausgebremst.
Und zudem sorgt ein demokratisches politisches System dann noch dafür, das der einzelne Bürger unvoreingenommen sein kann gegenüber dem politischen System (Der Bürger kann wählen, „without interference or pressure from anybody“). Im Endeffekt wird so eine gewisse kollektive Intelligenz gesichert, auf die wir alle nicht mehr verzichten wollen. Es wird hier impliziert, das solche verfahrentechnischen Eigenarten in einer demokratischen Gesellschaft sich nicht moralisch oder religiös und auch nicht humanistisch begründen, sondern, das dahinter eine Form von Systemrationalität steht. Vorläufig möchte ich weiter davon ausgehen, das man diese Systemrationalität begründen kann mit der Tatsache, das selbstreferenzielle Systeme bestimmten Bedingungen der Möglichkeit unterliegen, wenn sie Umwelt beobachten wollen. Konkret interessiert mich hier, wie in den vorigen Posts, eine Unvoreingenommenheitsfunktion und die Frage nach vorhandenen Institutionalisierungen einer solchen Funktion in verschiedenen Systemen, respektive dem Wirtschaftssystem.

In diesem Post möchte ich also die Frage stellen: Wie kann man sich soetwas wie eine „Unvoreingenommenheitsfunktion„, bzw. soetwas wie „shared Respect“ nun in der Wirtschaft einer Gesellschaft vorstellen und wie begründet sie sich dort?

*Um hier prägnant und dabei erträglich formulieren zu können, werde ich einigermaßen bekannte Sachverhalte auf eine recht lose Weise zusammensezten. Auf Detailzusammenhänge wird hier verzichtet. Ich versuche hier also nicht eine seriöse Analyse anzutäuschen, sondern nur meine Gedanken zu diesem Thema zu sortieren (und das mit einem gerüttet Maß Redundanz).

Anschließend an die These der Notwendigkeit einer Unvoreingenommenheit eines autopoietischen Systems gegenüber einem Teil seiner eigenen Operationen (zur Orientierung an Umwelt (Informationserarbeitung, vgl. „Die Unvoreingenommenheit autopoietischer Systeme„)), möchte ich weitergehen und unterstellen: In der Beziehung die die Soziologie als Beziehung zwischen Funktionssystem und Teilnehmer beschreibt, muss (als Voraussetzung für eine Umweltorientierung (beider Seiten)) eine wechselseitige Unvoreingenommenheit abgesichert werden. Im vorherigen Post habe ich auf solche Unsicherheit, bzw. Unvoreingenommenheit institutionalisierende Verfahrensweisen demokratischer Staaten mit dem genannten Video hingewiesen. In diesem Post möchte ich nun versuchen diesen Zusammenhang (also eine Art institutionalisierten Respekt) und seine Bedeutung auch für das Funktionssystem Wirtschaft grob anzureissen. Hier geht es also, neben der Leitdifferenz Staat/Bürger, auch um eine (etwas anders gelagerte) Differernz, nämlich Wirtschaft/Geldverwender (vgl. Stichworte: Funktionale Differenzierung/Funktionssystem Wirtschaft/Geld als Medium).

Ich falle mal gleich mit der Tür ins Haus: Ich gehe davon aus, daß das was theoretisch als soziale Marktwirtschaft beschieben wird, auf eine Weise beschrieben werden kann, die es so aussehen lässt als ginge es um eine gewisse Systemrationalität einer institutionalisierten Ungewissheitsfunktion im Verhältnis Wirtschaft/Geldverwender.

Dabei ist meine These: Funktionales Äquivalent einer demokratischen Staatsräson ist in der Wirtschaft soetwas wie das Kalkül der sozialen Marktwirtschaft. Beiden Kalkülen liegt eben kein pathetischer Impetus zugrunde, sondern beiden Konzepten liegt aus meiner Sicht (zumindest teilweise) dasselbe Argument zugrunde: verfahrenstechnische Sicherung einer Unvoreingenommenheitsfunktion zwecks Informationsgewinnung über eine System/Umwelt-Differenz (vgl. beide vorigen Posts).

Etwas anders formuliert ist die These hier: So wie „shared Respect“ als Staatsräson einer Gesellschaft sehr flexible Dispositionsmöglichkeiten über sich selbst ermöglicht (im Sinne einer Vermittlung von kollektiv bindenden Entscheidungen), so erzeugt „shared Respect“ im Wirtschaftssystem der Gesellschaft einen Druck für Organisationen auf den Menschen zu fokussieren.

*An dieser Stelle möchte ich, obwohl das den ganzen Text nicht weniger diffus macht, einen kleinen Exkurs einstreuen. Eine kleine Geschichte von Staat und Wirtschaft. Eine kleine Geschichte des Verhältnisses von Staat/Bürger und Wirtschaft/Geldverwender.

Es war einmal…., Nein. Also: Am Anfang ist das Gewaltmonopol des Staates. Der Staat bindet alle Gewalt an sich. Er untersagt den Einsatz von Gewalt in seiner Hoheit. Im Gegenzug entsteht die Möglichkeit das sich Recht ausdifferenziert. Komplexe Verträge und damit auch Wirtschaft können wirksam werden. Verkürzt könnte man sagen: Das Gewaltmonopol des Staates erzwingt, das die Bürger darauf verzichten müssen ihre Interessen durch physische Gewalt zu regulieren. Ordnendes Kriterium aufeinander wirkender Einflüsse in der Gesellschaft kann dann nicht mehr physische Gewalt sein. Die (holzhammerartige) Asymetrisierungsleistung physischer Gewalt wird ersetzt durch die von Gesetzen (also Kommunikation). Das macht Kommunikation viel anspruchsvoller, eröffnet aber auch diffizilere, möglichkeitsreichere Vernetzungen der Kommunikationsteilnehmer in der Gesellschaft.

Aber der Staat macht noch mehr. Wenn eine bestimmte Besiedlungsdichte überschritten ist, dann kommt der Staat nicht mehr recht umhin, den Bürgern auch den direkten Zugriff auf Natur zu versagen. (Bremen ist z.B. das einzige Bundesland in Deutschland in dem es ein sogenanntes Stockangelrecht gibt. Dieses Recht erlaubt es jedem Bremer mit zwei Angeln in einem bestimmten Teil der Weser für den eigenen Bedarf frei zu angeln. An einer solchen Stelle ist es sozusagen rechtlich vorgesehen das der Bürger sich direkt „aus der Natur“ bedienen darf. Ansonsten gibt es natürlich nachvollziehbar zum Schutz bestimmter Resourcen für alle kein freies Zugriffsrecht auf Naturresourcen. Man darf nicht wild übernachten und schon garnicht darf man sich dabei die öffentlich lebende Stockente von Nebenan über dem Feuer braten, das man aus dem Baum von Nebenan gemacht hat).

Zusammengefasst: Zum einen versagt der Staat den Bürgern den Rückgriff auf Gewalt. Im Gegenzug eröffnen sich Möglichkeiten für rechtliche Komplexität in der Gesellschaft. Und zum anderen versagt der Staat seinen Bürgern den Zugriff auf Naturrecourcen. Im Gegenzug eröffnen sich Möglichkeiten für rechtliche und wirtschaftliche Komplexität in der Gesellschaft. Das ist sozusagen das Fundament für ein komplexes Recht und eine komplexe Wirtschaft.
(Dasselbe Fundament für Recht und Wirtschaft wird allerdings auch durch Vernichtung der Resourcen relevant (vgl.Viktoriaseeanekdote, Preis der Arbeit), der Effekt ist derselbe: Menschen können ihre Lebensbedürfnisse (z.B. Essen) nicht mehr direkt aus der Umwelt befriedigen. Sie müssen sich z.B. durch Erwerbsarbeit von Organisationen abhängig machen, um zu existieren. In Extremo nimmt dies dem Einzelnen aber den, für eine gesunde kollektive Intelligenz dringend erforderlichen, Opportunismus (vgl. wieder Marktwirtschaft/Planwirtschaft)).

Eben darin sehen wir ein Problem einer „freien Marktwirtschaft“, nämlich in einer krassen Bedürfnisasymmetrie zwischen Organisationen (soziale Systeme) und Menschen (psychische Systeme). Organisationen müssen nicht essen und auch nicht schlafen, sie sterben auch nicht mit ihren Mitgliedern. Menschen sind anders. Organisationen brauchen die Aufmerksamkeit von Menschen, nicht ihre Lust an der Arbeit. Organistionen erleben kein gut oder schlecht, sie nehmen nicht mal apriori Rücksicht auf ihren Wirt (den Menschen) so blind sind sie.
Und das ist der Punkt auf den ich eigentlich hinaus wollte, um das Problem hervorzukehren von dem ich glaube, das die soziale Marktwirtschaft eine adäquate Lösung bietet. Im Gegensatz zu einer freien Marktwirtschaft institutionalisiert eine soziale Marktwirtschaft eine gewisse Unvoreingenommenheitsfunktion im Verhältnis Wirtschaft/Geldverwender. Indem Bürger sich auch gegen Geldangebote von Organisationen wehren können, sie also ablehnen können ohne dabei gleich die eigene Existenz zu beenden, können sie sich in der Wirtschaft bemerkbar machen. Das nötigt die Organisationen, die auf die Bindung der Aufmerksamkeit der Menschen angewiesen sind, auf diese zu fokussieren und kreativer zu werden um deren Aufmerksamkeit zu binden. Die Bedürfnisasymmetrie zwischen Organisationen und Menschen wird entschärft. Und damit entschärft sich auch die Lage für den Menschen. Das ist aber nicht wirklich der interessante Effekt hier. Eher finde ich interessant, das die Nützlichkeit einer Existenzsicherung in einer sozialen Marktwirtschaft nicht in einer „humanen Welt“ zu sehen ist und auch nicht in einer Bismarkschen Eliterettung, sondern eine solche Maßnahme kann als Maßnahme eines evolutionären Managements der Geselllschaft beobachtet werden (vgl. Beschreibungen und Ähnlichkeiten zu: Negativfolgen von Protektionismus und Planwirtschaft). Und dabei geht es irgendwie um Information.

Und ein letztes bemühtes Mal in etwas anderen Worten zusammengefasst:
So wie in einem demokratischen Staat sichergestellt sein muss, das sich 1. der Staat gegenüber dem Bürger unvoreingenommen zeigt (Jeder Bürger hat dieselben Rechte, unabhängig von Herkunft, Geldbeutel, …) UND das 2. sich der Bürger gegenüber dem Staat unvoreingenommen zeigen kann (er kann wählen „without interference or pressure from anybody“ vgl. „Respekt und Demokratie„). So muss auch in einer „sozialen“ Wirtschaft sichergestellt sein, das 1. die Wirtschaft sich gegenüber den Teilnehmern unvoreingenommen zeigt (Um die richtige Kompetenz an der richtigen Stelle zu bekommen, macht es keinen Sinn bestimmte Teilnehmergruppen apriori auszuschließen oder fest zu setzen. (Auch Geld hat keine Präferenz für bestimmte Menschen (höchstens für bestimmtes Verhalten)) UND das 2. sich der Teilnehmer gegenüber anderen Wirtschaftssubjekten unvoreingenommen verhalten kann. Dadurch das einzelne Teilnehmer den Angeboten von anderen nicht hilflos ausgesetzt sind (es muss zwischen Annahme und Ablehnung entschieden werden), entsteht , wenn man so will, eine innere Reibung des Wirtschaftsystems an sich selbst. Und jede Gesellschaft muss sich überlegen wie sie mit dieser Reibung umgeht. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive wäre es auf jeden Fall zu einfach gedacht die Annahme von Kommunikation positiv und die Ablehnung von Kommunikation als negativ für den Entwicklungserfolg zu bewerten. Das Motto: Es kommt nur etwas zustande, wenn alle an in eine Richtung ziehen, kann wohl kaum die krassen Anpassungsleistung der Gesellschaft in den letzten Jahren erklären. Konsens erklärt nicht die strukturelle Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft. In einem einzelnen Wirtschaftsbetrieb mag so ein Motto unbestritten nützlich sein. In diesem Sinne voll durchideologisierte Organisationen laufen jedoch Gefahr unsensible für Umweltveränderungen zu werden. Nun sieht es für mich so aus, als ob Organisationen in den meisten Fällen erst noch lernen müssen, das diese Reibung des Wirtschaftssystems Quelle für Information ist (und nicht ein irgendwie wegzukürzendes Problem). Die Reibung die in einem System entsteht in dem die Teilnehmer jeweils für sich die Annahme, bzw. Ablehnung einer gemeinsam erzeugten Kommunikation entscheiden müssen, ist sozusagen der Boden auf dem sich soziale Formen ausdifferenzieren. Für komplexe Formen in der Wirtschaft scheint es dabei wichtig zu sein, das diese vielen Einzelentscheidungungen der Teilnehmer wirtschaftliche Kommunikation entweder anzunehmen, bzw. abzulehnen nicht allzustark durch Existenzbedrohung oder Desinteresse (oder auch durch Pläne) präjudiziert werden.

Wenn ein Wirtschaftssystem sich nicht dumm machen will, dann sollte es akzeptieren, das es keinen Zugriff auf die Menschen an sich hat, sondern das es nur um deren Aufmerksamket buhlen kann und nur so dann mehr oder weniger unwahrscheinliches Verhalten provozieren kann. Denn so wie national protektierte Unternehmen (s.B. Stahlindustrie USA 90er) evolutionär verkümmern, so verkümmern auch Unternehmen, die nicht um die Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder und die Aufmerksamkeit eines Marktes buhlen müssen (sondern ihnen einfach einen Trabbi verschreiben können). Das ist wahrscheinlich ein tieferes Argument hinter einer sozialstaatlichen Konstruktion, wie der die wir soziale Marktwirtschaft nennen. Man kann die Bedingungen einer soziale Marktwirtschaft meinetwegen auch als eine Art Übungssystem für Organisationen begreifen.

In diesem Sinne kann man die Mechanismen unserer sozialen Marktwirtschaft beschreiben als Verfahren, die, qua Absicherung von Existenzbedürfnissen, eine gewisse Unvoreingenommenheit im Verhältnis Wirtschaft/Geldverwender institutionalisieren (so wie Mechanismen eines demokratischen Staates Verfahren beschreiben, die qua Wahl eine gewisse Unvoreingenommenheit im Verhältnis Staat/Bürger institutionalisieren).

In unserer, wie Soziologen sagen funktional differenzierten, Gesellschaft ist es für uns im Prinzip recht offensichtlich, wo das Problem liegt. Wenn man es aus einer Wirtschaftsperspektive beschreibt, dann könnte man sagen, es geht um die Bedingungen eines Marktes als nicht planbares, aber auch nicht beliebig zu benutzendes Phänomens.

Man muss sich nur die Idee eines planwirtschaftlichen DDR-Modells mal vorstellen. Wer oder was soll denn die Kapazität haben zentral all das zu Planen was gleichzeitig stattfinden muss? Auch wenn der Gedanke heute absurd ist, das es so eine Kapazität geben kann (oder sollte), heisst das nicht, das man eine solche Vorstellung nicht voll durchziehen kann. Die Frage ist dann nur: was hat das mit einer Gesellschaft gemacht, als man noch glaubte das eine Regierung Gesellschaft planen könne. Heute scheint es selbstverständlich, das soetwas einer strammen Selbstfesselung der Gesellschaft gleichkommt.

Wichtig ist dabei: Gesellschaftliche Dynamik hat nichts mit Belibigkeit zu tun. Und auch nichts mit Konsens oder Zufall. So oder so, allgemein formuliert geht es in der Gesellschaft für die Menschen scheinbar nicht so sehr darum vorzusortieren und mit entsprechenden Schablonen zu Planen. Es scheint eher darum zu gehen, das man sich der Kommunikation überlassen kann (wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind) und zwar in dem Sinne, das man aktuelle Argumente entscheiden lässt, mehr als man vorabentschiedene Planungen (Argumentunanhängig) durchzieht.

Dem liegen schienbar viele Probleme zugrunde. Eins davon ist das Problem der nicht Planbarkeit eines komplexen Verhaltensensemble. Dies ist ein Problem, nicht etwa weil man Verhalten nicht auch planen kann, sondern weil man Planungen unter gewaltigem Aufwand oft unangemessen verkürzen muss (um überhaupt das Attribut planbar glaubwürdig vertreten zu können). Dabei gerät man dann unweigerlich in ein Risiko das geplante durchzuziehen trotz einer hohen Wahrscheinlichkeit deswegen auf eine angemessenere Möglichkeit zu verzichten. (Deswegen verlassen wir uns auf die Argumente der aktuellen Kommunikation und versteifen uns nur in bemerkenswerten Ausnahmefällen auf ein starres durchziehen von Geplantem (schon weil es kognitiv sehr aufwendig ist)).

Irgendwie geht es um Information.


Die Unvoreingenommenheit autopoietischer Systeme

21. Oktober 2009

In diesem Beitrag kommt die Buchstabenfolge r-e-s-p-e-k-t nur zwei weitere Male vor. Trotzdem habe ich das Gefühl, das dieser Text einen Sachverhalt andeutet, der irgendetwas (wenn nicht sogar viel) mit dem zu tun hat was wir als eine Facette “respektvollen Verhaltens” beobachten können.  Der Beitrag fällt in seiner Intention in die Kategorie “Hin zu einer Theorie des Respekt” und entsprechend setzt er eine gewisse Beschäftigung mit einer soziologischen oder psychologischen Systemtheorie voraus; auch um eine sinnvolle Prägnanz der Darstellung zu erreichen. Ich bin nicht ganz sicher, ob die hier angestrebte “Tieferlegung” der Beobachtung bestimmer Verhaltensphänome so sinnvoll ist. Deswegen ist der ganze Beitrag auch als Bearbeitung einer offenen Frage zu verstehen.

Wie der Name schon sagt reproduzieren autopoietische Systeme sich selbst ständig in einer Umwelt, von der sie sich unterscheiden und in der sie sich erhalten. Um sich in ihrer Umwelt orientieren zu können (um wiederum die eigene Reproduktion abzusichern), müssen solche Systeme sich selbst überraschen können (Information erzeugen).

Mit “Unvoreingenommenheit” ist hier eine notwendige (Gleichwahrscheinlichkeits-, oder Zufalls-) Funktion gemeint, die ein selbstreferenzielles Systeme benötigt; nämlich als Bedingung der Möglichkeit einer Orientierung an seiner Umwelt. Ein System, dessen Beobachtungen immer Ableitungen von Selbstbeobachtungen sind, ist darauf angewiesen in gewissem Umfange Veränderungen der Umwelt mit eigenen Veränderungen beantworten zu können. Dazu unterscheidet ein System Selbst- und Fremdreferenz.

Um von eigenen Veränderungen auf Umwelt schließen zu können muss ein System sich irritieren lassen. Also z.B. muss es, um von eigenen (und nur eigenen) Wahrnehmungen auf eine Umwelt schließen zu können (und dabei noch von einem Blick-nach-draussen zu sprechen), einen Teil seiner ambiguen Unterscheidungsoperationen durch Irritationen an seinen Grenzen (unabhängig von Impulsen der Selbstreferenz) entscheiden lassen. Wenn man so will entkoppelt ein selbstreferetielles System einen Teil seiner Prozesse von einem anderen, es macht einen Teil weitgehend unabhängig von einem Anderen und gleichzeitig sensibel für Umweltirritation. In einem solchen System ist dann nicht mehr alles mit allem verbunden und folglich: Nicht jede Irritation des Systems (egal wo!), löst alle Ambiguitäten der laufenden Prozesse auf. Das System läuft in einer (operativen) Differenz zu sich selbst und kann so “freiwerdende Ambiguitäten” abhängig machen von lokalen Irritationen an seiner Grenze zur Umwelt (damit sind diese Prozesse natürlich immernoch anhängig von der eigenen Bewegung (Motorik), allerdings nicht mehr nur von dieser, sondern eben auch von einer perspektivischen (grenzabhängigen) Umweltirritation). Das System baut Fremdreferenz in seine Prozesse ein, es entwickelt so eine Perspektive und nur so ist es in der Lage an sich selbst Umwelt zu beobachten.

Mit anderen Worten: ohne eine Unvoreingenommenheit des Systems gegenüber einem Teil seiner eigenen Prozesse gibt es keine Information im System. Und Unvoreingenommenheit meint eben nicht einfach ein vergessen, ignorieren oder ein einfach zulassen von Systemopertaionen; nein, es meint vielmehr die Bedingung eines mit Umwelt rechnenden Systems (z.B.  Gesellschaft), die eigenen Operationen (in gerade noch erträglichem Maße) als ungewiss zu behandeln, um sich selbst, an sich selbst überraschen zu können. Denn nur zum Preis von Ungewissheit gibt es Überraschung als Information (und nicht als Korruption))

Ist es nicht möglich, das das was heute z.B. als Reziprozitätsnorm gehandelt wird und was da als Wurzel des Sozialen gefeiert wird, das es sich dabei vielleicht um etwas handelt, das mit den Worten Reziprozität und Norm eher schlecht beschrieben ist? Der Begriff Reziprozität meint zwar ein hin und her, betont auch die Wechselseitigkeit, impliziert aber in seiner Verwendung bevorzugt eine sukzessive Komponente. Die Phänomene auf die wir uns beziehen sind nun aber Phänomene simultan evoluierender Systeme (vgl. Begriffe wie z.B. Konditionierte Co-produktion, multi-process-model oder Interpenetration).Und auch der Begriff der Norm ist unbrauchbar für unsere Zwecke. Er impliziert deutlich eine idealisierte Routine und unterscheidet sich gern und hochtrabend mit moralischem Trärä von Opportunität. Aber auch eine Unterscheidung von Normativität/Opportunismus bringt uns hier nicht wirklich weiter.

Die Frage wäre ja auch immer: Wozu eine Reziprozitätsnorm?

Man kann davon ausgehen, das der Begriff der Reziprozitätsnorm versucht zuviel auf einmal zu klären. Ich vermute weiter, das wir zumindest einen Teil der Verhaltensweisen, die bisher mit diesem Begriff angegangen wurden sehr viel besser erklären können, wenn wir sie als Verhalten zum Schutz einer hier skizzierten Unvoreingenommenheitsfunktion beschreiben. Dann gibt es ein doppeltes Warum geliefert, nämlich: etwas wie reziprozitätsnormgerechtes Verhalten kümmert sich (wenigtens zu einem Teil) um den Schutz der Unvoreingenommenheitsfunktion. Und eine Unvoreingenommenheitsfunktion ist, wie ich nur kurz angerissen habe, nachvollziebar eine Bedingung einer Umweltorientierung von selbstreferentiellen Systemen.

Das Verhalten, das bisher unter die Kategorie “Schutz der Reziprozitätsnorm” fiel, ist in den meisten Fällen vielleicht besser beschrieben als ein Symptom einer Immunreaktion von sozialen und psychischen Systemen. Und der Schutz einer Unvoreingenommenheitsfunktion kann ein triftiger Grund (neben anderen) für eine solche Immunreaktion sein. Gehen wir einfach mal weiter (mit der Soziologie) und sagen ganz allgemein, das man moralische Kommunikation als eine Art Immunreaktion von sozialen Systemen und Emotionen entsprechend als eine Art von Immunsystems psychischer Systeme beschreiben kann. Dann kann man zumindest die Frage stellen: In welchen Fällen geht es bei Moral (soziale Systeme) und Emotionen (psychische Systeme) um eine Immunreaktion, die eine Ungewissheitsfunktion verteidigt?

Zweifellos gibt es noch andere Bedingungen für autopoietische Reflexionsprozesse. Es steht jedoch die Frage im Raum, ob wir einen Teil von beobachtbarem Verhalten distinkt beschreiben können, als ein Verhalten dessen “Zweck” es ist ein autopoietisches System auf bestimmten Reflexionsebenen (hier in seiner Unvoreingenommenheitsfunktion) abzusichern. Und wenn wir Verhalten daraufhin beobachten, ob es in irgendeiner Weise eine Unvoreingenommenheitsfunktion sichert, sind dann da nicht auch jede Menge Verhaltensweisen dabei, die wir vorher mit dem Label “resepektvolles Verhalten” kategorisiert haben?

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Zusatz 25.10.09/17:44: Zuallererst ist ein autopoietisches System natürlich auch Voreingenommen; nämlich von der Notwendigkeit seiner eigenen Reproduktion (irgendetwas muss es ja überaschen. Und ohne Voreingenommenheit, der, immerschon unter einem Komplexitätsgefälle operierenden, Autopoiesis selbst, gibt es keine Überaschung). In diesem Sinne: Voreingenommen sind autopoietische Systeme durch ihre, im Unterschied zur Umwelt, komplexitätsunterlegene Selbstreferenz, an deren Veränderungen sie überhaupt erst Selbst und Fremdrefrenz unterscheiden und durch deren Vergleich sie überhaupt erst auf Umwelt schließen können. Aber Voreingenommen ist ein autopoietisches System darin “das”, nicht aber “wie” die eigene Reproduktion fortfährt. Die Frage ist dann: wie soll man sich modellhaft vorstellen, wie die Unterscheidung von Voreingenommen/Unvoreingenommen hier verwendet wird, wenn gesagt wird: das System ist voreingenommen gegenüber dem “das” und unvoreingenommen gegenüber dem “wie” der eigenen Re-produktion? Vielleicht gelingt es mir dies kurz anzudeuten.

Ein autopoietisches System ist hier nicht als nur eine zirkuläre Sequenz zu denken, die sich selbst reproduziert ( Also A > B > C > A > B > C …. ). Es geht vielmehr um eine Vielzahl solcher Ketten, solcher Perioden, die nicht nur sehr lang sein können, sondern zudem ineinander verschränkt sind.
Stellen wir uns z.B. drei solcher Perioden vor.

1.    A > B > C > A > B > C …
2.    1 > 2 > 3 > 1 > 2 > 3 …
3.    A > 1 > B > 2 > C > 3 > A > 1 > B > 2 > C > 3 …

Und stellen wir uns weiter vor, das die Periode 3. pro Durchlauf immer einen Buchstaben in Periode 1. verortet und immer eine Zahl in der Periode 2. Die Entscheidung welcher der drei möglichen Buchstaben aus Periode 1. und welche der drei möglichen Zahlen aus Periode 2 in die Periode 3. eingebaut wird, sei zunächst dem Zufall überlassen (das wäre dann sozusagen maximale Unvoreingenommenheit).

Weiter wird aber argumentiert, das dieser Zufallsentscheid abhängig gemacht werden kann von wiederum anderen Zyklen, die ihrerseits ihren Zufallsentscheid abhängig von Umweltirritation verändern, ohne ihn dabei festzustellen (Der Zufall muss sozusagen von Schrit zu Schritt bewahrt bleiben, um überhaupt Veränderungen als solche registrieren zu können (Das meinte ich oben mit einer Unvoreingenommenheitsfunktion); wenn man so will: Damit Voreingenommeheit und Unvoreingenommenheit sich nicht wechselseitig blockieren, sondern kreativ werden können.)

So versuche ich hier im Beispiel ein möglichst einfaches Gebilde vorzustellen, das aus nur drei jeweils strukturdeterminierten, ineinander verschränkten Perioden besteht und in seinem Verlauf eine gewisse (zufallssbedingte) Selektivität in Entscheidungen überführen kann. Ein Gebilde in dem umweltabhängig Variationen in der Verschränkung dieser Perioden auftreten können; und zwar ohne das die reproduktive Einheit des Zusammehhanges unterschiedlicher jeweils strukturdeterminierter Perioden gefährdet wäre (wie sonst könnte man ein solches System umweltsensibel denken?).

Letztlich geht es also nicht darum jetzt alles mit Unvoreingenommeheit oder mit Voreingenommenheit zu erklären. Das Schema Voreingenommen/Unvoreingenommen scheint mir nur gut geeignet um, gewissermaßen in einem semantischen Trick, bestimmte Reflexionsprobleme autopoietischer Systeme anzudeuten.


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